Das kleine Land im Herzen des Balkans hat im Nu unsere Herzen erobert. Und das, obwohl der Grenzübergang eines der härtesten Erfahrungen war, die wir bisher gemacht haben. Aber fangen wir mal von vorne an...
Wir hatten kurzfristig beschlossen, von Serbien über eine kleine Ecke Montenegros in den Kosovo zu radeln. Laut der Routenplanung bei Komoot sollte die Strecke etwas einfacher zu bewältigen sein als über eine der serbischen Passstraßen. Amir, ein Serbe, den wir zufällig in der Grenzstadt Tutin kennengelernt haben und der selbst gerne und viel Mountainbike fährt, bestätigte uns, dass wir einen guten Weg ausgewählt hatten. Er gab uns aber auch denn Hinweis, dass sich auf einem kurzen Abschnitt aus der Stadt heraus aktuell eine Baustelle befindet. Zudem wussten wir von einer früheren Balkanreise (damals waren wir allerdings mit einem Mietwagen unterwegs), dass die Wege und Straßen Montenegros, egal wie abgelegen sie sich durch die Berge winden, asphaltiert sind. Und tatsächlich wechselte der Untergrund direkt mit dem Grenzübergang: aus der serbischen Schotterpiste wurde eine feinste montenegrinische Asphaltstraße, die uns über zahlreiche Serpentinen nach Rožaje brachte. Nach einem kurzen Einkaufsstopp machten wir uns dann auf die Suche nach einem überdachten Campingspot, da die Wetterprognosen für den Abend und Morgen leider nicht so sonnig aussahen. Am Stadtrand und am Fuße des Grenzpasses wurden wir glücklicherweise fündig, ein idyllischer Ort am rauschenden Bach mit einer kleinen Picknickhütte, in dem unser Zelt gerade so reinpasste.
Nachdem es die ganze Nacht schon unablässig geregnet hatte, wurden wir am nächsten Morgen vom prasselnden Nieselregen geweckt. Also kochten wir erstmal in Ruhe Frühstück und heißen Tee. Das Abwarten hat sich gelohnt, wir erwischten eine trockene Minute zum Losradeln. Doch schon nach den ersten Kurven Richtung Kosovo hielten es die Wolken nicht mehr durch und der Regen prasselte auf uns herab. Innerhalb von wenigen Minuten waren wir trotz Regenjacke und -hose komplett durchnässt. Kalter Wind schlug uns entgegen je höher wir kamen und die Lippen liefen langsam blau an. Möglichkeiten zum Unterstellen boten sich keine, weshalb wir uns weiter durch das nasskalte Wetter kämpften. Erst an der Grenzkontrolle konnten wir uns für ein paar Minuten unterstellen, was uns aber auch nicht wirklich gegen die heftigen Windböen schützte. Ein Frontex Mitarbeiter hatte sichtlich Mitleid mit uns und bot uns einen heißen Kaffee an, den wir dankend annahmen. Er kommt ursprünglich aus Griechenland, er wird jedoch jährlich zu einem anderen Einsatzgebiet versetzt. Einen weiteren Lichtblick gabs zum Kaffee dazu: es sind wohl nur noch ca. 2 km bergauf und dann geht's bergab in den Kosovo. Etwas aufgewärmt, aber weiterhin triefend nass stiegen wir wieder aufs Rad. Wir bewältigten die nächsten Höhenmeter, erreichten die Schneegrenze und dann legte das Wetter noch eine Schippe drauf. Stechend kalte Sturmböen zogen durch unsere nasse Kleidung, während wir entlang von Schneefelder fuhren. Unsere Hände und Füße waren bereits Eiszapfen, als wir endlich die Passhöhe erreichten. Aussicht gab es keine, dafür eine eingefallene Schutzhütte, die uns vor dem Wind leider gar nicht schützte. Abwechselnd zogen wir für die Abfahrt eine weitere Schicht an: Einer hielt die Räder, der andere zog sich um. Die Finger waren so bewegungsunfähig, dass man kaum den Reisverschluss der Jacke schließen konnte. Ein Rudel wilder Hunde beobachtete uns, zog dann aber ohne großes Gebell von dannen in den Wald hinein. Eigentlich freut man sich auf die Abfahrt, die man sich zuvor hart erarbeitet hat. Diesmal war uns jedoch mehr Angst als Freude ins Gesicht geschrieben. Die Wolken hingen so tief, dass wir kaum ein Meter weit sehen konnten. Hinzu kam die nasse und rutschige Straße und der heftige sich drehende Wind - aber oben bleiben wäre die schlechteste Option gewesen. Also nahmen wir die schlimmste Abfahrt unserer bisherigen Radreise an und 'kämpften' uns nach unten. Nach ca. 600 hm Abfahrt lichtete sich dann endlich die Wolkendecke, Umgebungs- als auch Körpertemperatur stiegen leicht und uns eröffnete sich ein erster spärlicher, aber wunderschöner Blick in den Kosovo. Endlich, nun stieg auch wieder die Vorfreude in uns, dieses kleine Land zu erkunden.
Unsere erste Nacht im Kosovo war ebenfalls äußerst stürmisch. Wir steuerten laut Karte zu einer Kirche auf einem Hügel und hofften dort einen halbwegs überdachten Schelter für die Nacht zu finden - denn es war mal wieder Gewitterwetter gemeldet. Doch auf dem Hügel angekommen, fanden wir lediglich ein paar Überreste der erhofften Kirche vor. Wir blieben trotzdem dort, denn der Spot war fantastisch. "Das Gewitter wird schon halbwegs an uns vorbei ziehen". Der Blick von diesem Hügelchen war wirklich einmalig: in zwei Himmelsrichtungen eröffnete sich ein Ausblick auf das kosovarische Flachland. Hinter uns ragten im Halbkreis hohe Bergmassive empor - fast wie in einem Amphitheater.
Was man auch gut von hier aus beobachten konnte, war das prognostizierte Gewitter. In weiter Ferne gingen die ersten Blitze herunter und die dunklen Regenwolken rollten langsam in unsere Richtung. Schnell bauten wir unser Zelt auf und verschlossen alle Radtaschen so gut wie möglich. Keine Minute später hat uns die Gewitterfront schließlich erreicht. Wir haben noch nie eine Regenfront mit so einer Geschwindigkeit kommen sehen und konnten uns gerade noch ins Zelt "retten". Ein ausgiebiges Abendessen auf dem Campingkocher fiel somit wortwörtlich ins Wasser und es gab diesmal ein gemütliches Vesper im Zelt.
Die Ruhe nach dem Sturm erlebten wir dafür am nächsten Morgen. Wir waren mit den ersten Lichtstrahlen auf den Beinen. Das Tal war von morgendlichen Nebelschwaden durchzogen, hohe Bäume und Minarette ragten aus dem Dunst hervor. Die Sonne tauchte die gesamte Landschaft in sanftes Licht und strahlte die hohen Berge rings um uns herum an. Was für ein Sonnenaufgang und was für ein Glücksgefühl, insbesondere nach dieser gewittrigen Nacht, die wir in unserem Zelt auf exponierter Stelle ohne Schäden überstanden hatten.
Nachdem wir unseren Kaffee geschlürft hatten und gerade am Zusammenpacken waren, kamen ein paar Spaziergänger aus dem Dorf vorbei. Auch sie wollten die morgendliche Ruhe und die frische Luft genießen. Einer der Männer konnte ein bisschen Deutsch und erzählte uns, dass hier früher eine große christliche Kirche stand, die Steine jedoch im Laufe der Zeit abgetragen wurden und für die Errichtung von einigen Moscheen im Umkreis Verwendung fanden. Das erklärt auch, warum hier nur noch eine Reihe der Grundsteine übrig sind - aus der Luft war der Grundriss des Kirchenschiffs klar erkennbar. Zudem erfuhren wir, dass man hier in der Region hauptsächlich albanisch spricht (die vielen Albanien Flaggen sind uns tatsächlich auch schon aufgefallen) und damit wir uns etwas verständigen können, schreibt er uns die wichtigsten Formulierungen wie "Hallo" und "Danke" in unser Notizheft.
Wir machten uns auf den Weg nach Istog und kamen an vielen neuen und richtig modernen Wohnhäusern vorbei. Den unterschiedlichen Baustilen nach kann jeder bauen, wie es ihm gefällt. Vom Toskana Häuschen bis hin zur modernen Designer Villa war alles dabei. Auch die modernen und großen Restaurants in Istog haben uns sehr überrascht. Ein älteres Paar hat uns auf dem Weg zum Wasserfall auf Deutsch mit Schweizer Akzent angesprochen und wollte uns unbedingt auf einen Cappuccino einladen. Beim Kaffee trinken haben wir dann erfahren, dass sie wie viele andere Kosovaren während des Kosovo Krieges in die Schweiz geflüchtet sind. Sie waren sehr dankbar, dass sie dort so herzlich aufgenommen wurden, Arbeit gefunden haben und ein neues Leben aufbauen konnten. Wie viele andere kosovarische Auswanderer verbringen sie ihren Urlaub bzw. einige Wochen im Jahr in der alten Heimat. Das erklärt auch den Bauboom in dem kleinen Land. Bauen ist hier sehr erschwinglich, weshalb viele Kosovaren, die im Ausland leben und arbeiten (v.a. in Deutschland, Österreich, Schweiz sowie Skandinavien), günstig im Kosovo eigene Ferienhäuser bauen. Das stärkt einerseits die lokale Bau- und Tourismusbranche, doch andererseits stehen viele dieser Häuser monatelang leer und auch die riesigen Restaurants sind einer starken Saisonalität ausgesetzt.
Von Istog radelten wir weiter in die Großstadt Peja (albanisch auch Pejë, serbisch Peć). Im Gegensatz zu den ländlichen Ortschaften war hier ein buntes Treiben, insbesondere rund um die große Moschee auf dem alten Basar aus der osmanischen Zeit mit vielen kleinen Läden, wo man alles mögliche finden kann. Peja ist zudem ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge in das Rugova Gebirge - laut den Aussagen der Einheimischen anscheinend die schönsten Berge Europas! Wir haben lange überlegt, ob wir den Pass hinauf fahren. Doch die Wetterprognosen sprachen dagegen - leider. Also ließen wir die Rugova Schlucht rechts liegen und radelten weiter in den Süden des Kosovo. Auf halben Weg nach Prizren fanden wir wieder bei einer Kirche Zuflucht vor dem nächsten nächtlichen Gewitter. Diesmal unter dem Dachvorsprung des Gemeindehauses, wo wir unser Zelt aufstellen durften. Der Priester gab uns abends sogar noch eine kurze Kirchenführung und bestand darauf, uns am nächsten Morgen auf ein Kaffee einzuladen.
Am nächsten Tag erreichten wir Prizren, die zweitgrößte Stadt des Kosovo. Hier haben wir uns zur Abwechslung in einem kleinen Hostel einquartiert, so dass wir die Stadt mit seinen engen Gassen entspannt zu Fuß erkunden konnten, während unsere Wäsche auf dem Balkon trocknete. Ein Aufstieg zur alten Festung bescherte uns einen Rundumblick über die gesamte Stadt. Neben den großen orthodoxen Kirchen stachen zwischen dem Meer aus roten Dächern vor allem die vielen hohen Minarette der Moscheen heraus, die wie Pfeile in den Himmel zeigen.
Von Prizren aus könnte man gut nach Albanien weiterfahren. Wir wollten jedoch direkt weiter nach Nordmazedonien und nahmen deshalb die Passstraße nach Prevallë in Angriff. Diese führte uns durch das Sharr Gebirge auf über 1.500m. Oben angekommen merkten wir, dass Prevallë ein sehr touristisches und belebtes Örtchen ist. Viele genossen das Bergpanorama sowie die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf einer großen Wiese, picknickten und ein paar ließen sogar Drachen steigen. An kleinen Marktständen wurden Honiggläser und dunkelroter Saft aus Aroniabeeren angeboten. Auch wir suchten uns eine halbwegs ebene Fläche auf dem grasgrünen Hang, wo wir unser Nachtlager aufschlagen konnten. Einige Spaziergänger sprachen uns neugierig auf die Räder an. Wie so oft im Kosovo trafen wir hier auf einige Kosovaren, die im Ausland lebten und in ihrer Heimat Urlaub machten, so dass wir uns gut auf Deutsch verständigen konnten. Als sie hörten, dass wir auf der Wiese campen wollen, warnten sie uns. Es ist sehr kalt hier oben und außerdem gibt es einige Bären in der Gegend. Erst letzte Nacht machte sich wohl eine Mutter mit ihren zwei Kleinen über die Müllcontainer her. Das erklärte natürlich, warum die Container am Weg alle umgekippt waren und der ganze Müll auf der Straße verteilt rumlag. Hm, was nun? Erstmal Sonnenuntergang genießen und essen. Doch bevor wir richtig mit Auspacken beginnen konnten, kam eine besorgte Frau namens Arjona nochmal zu uns zurück und bot uns an, bei ihrem Ferienapartment zu übernachten. Wenn wir unbedingt campen wollen, dann können wir das Zelt gerne bei ihnen im umzäunten Hof aufschlagen. Sie hätten aber auch noch ein freies Schlafzimmer, da ihre erwachsenen Kinder bereits weitergereist sind. Da wir uns nicht unnötig in Gefahr bringen wollten, nahmen wir das Angebot im Hof zu campieren dankend an. Als wir dann am Apartment ankamen, überredeten sie uns dann doch noch, im Haus zu übernachten (da ist es wenigstens warm und gemütlich!) und während wir duschten, holten sie sogar extra noch Pizza und zwei Flaschen Bier für uns. Warum diese großzügige Gastfreundschaft? Aus den Gesprächen ließ sich raushören, dass sie selbst unfassbar dankbar dafür sind, dass sie vom Krieg 1999 Zuflucht in Westeuropa finden und dort ein gutes (wenn nicht sogar ein besseres) Leben aufbauen und führen konnten und auf diese Weise wieder etwas "zurückgeben" wollten. Wir verbrachten einen entspannten Abend zusammen mit den kosovarischen Schweizern, die hier selbst für ein paar Wochen (Gesundheits-)Urlaub machten. Denn Prevallë ist ein beliebter Luftkurort. Vor allem Arjona genoss die Zeit im Sharr Gebirge, da sie Atemwegsprobleme hat und sie hier deutlich besser Luft bekommt. Jeden Tag wandern sie mit der Sonne, erst auf den einen Berg, dann auf den anderen. Auch wir ließen es uns nicht nehmen am nächsten Morgen von dem touristischen Ort aus eine kleine Wanderung in den Nationalpark zu unternehmen. Der Weg führte uns teils über Schneefelder auf den Pavlov Kamen. Die grandiose Aussicht auf die umliegenden Gipfel konnten wir allerdings nur kurz genießen, denn es war so windig, dass wir es am Gipfel nicht lange aushielten. Kurz bevor wir wieder Prevallë erreichten, wurde am Wegesrand fleißig auf offenem Feuer gekocht. Neugierig fragten wir nach, was sich in den großen runden Töpfen und unter der Holzkohle befindet. "Flija" war die Antwort. Natürlich mussten wir dieses traditionelle Gericht probieren. Es schmeckt im Grunde wie geschichtete, dünne Pfannkuchen. Mega lecker und genau richtig nach der steilen Wanderung.
Danach ging's wieder auf den Sattel und rasant bergab, bis Johanna merkte, dass ihr Hinterrad stetig Luft verlor. So hieß es erstmal unter Beobachtung von drei Jungs mit klappernden MTBs Platten flicken. Als es dann endlich weitergehen konnte, braute sich am Himmel mal wieder ein dunkles Wolkenspiel zusammen. Wir hatten keine Lust, mal wieder durchnässt zu werden, also ergriffen wir die erstbeste Gelegenheit geschützt unter Dach zu campen und schlugen unser Zelt in einer stillgelegten Tankstelle auf. Das Gewitter zog diesmal ohne größere Regenschauer an uns vorbei. So konnten wir eine halbwegs ruhige und letzte Nacht im Kosovo verbringen, bevor es am nächsten Tag weiter nach Nordmazedonien ging.
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