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Reifenplatzer in Bosnien

  • Johanna
  • 15. Juni 2023
  • 3 Min. Lesezeit

So richtig wussten wir nicht, was uns in Bosnien-Herzegowina erwarten würde. Das Land war für uns bis dato ein weißer Fleck auf der Landkarte, denn bisher haben wir wenig darüber gehört. Entsprechend waren wir beim Grenzübertritt etwas aufgeregter als vorher, zumal wir zum ersten Mal auf dieser Reise unsere Ausweise vorzeigen mussten, ein Indiz dafür, dass wir nun den Schengenraum verließen. Auffällig war auch, dass viele Autos mit Österreichischem Kennzeichen unterwegs waren.


Direkt auf den ersten Kilometern fiel auf, dass mit dem Landeswechsel sich auch die vorherrschende Religion veränderte. Nun ragten nicht mehr Kirchtürme empor, sondern hohe und teilweise strahlende Minarette prägen hier das Landschafts- und Stadtbild.


Wir hielten bei einer "Pekara" (Bäckerei) an und deckten uns mithilfe von einem jungen Mann, der für uns die Auswahl auf Englisch erklärte, mit verschiedenen Backwaren ein. So landeten unter anderem ein bosnisches Brot aus Maismehl und Apfelstrudel in unseren Tüten. Obwohl Bosnien die Konvertible Mark (KM) als Währung hat, konnten wir problemlos mit Euro zahlen. Die Verkäuferin hat ohne lange nachzudenken den Preis umgerechnet und uns das Rückgeld in KM ausgegeben.


Es geht weiter die Mainroad entlang. Ähnlich wie in Slowenien stehen hier neu und gut hergerichtete Häuser. Wo eine Ortschaft endet, fängt eine neue an. Wir kommen in die Großstadt Cazin, wo wir kurz noch allgemeine Vorräte besorgen. Nach einer Mittagspause an einer Moschee, haben wir genug von der Hauptstraße und biegen auf eine Nebenstraße ab, die prompt zu einer Schotterstraße wird. Die Vegetation wirkte nochmal etwas grüner und üppiger als in den vorherigen Ländern.



Stunden später waren wir endlich wieder auf einer asphaltierten Straße angekommen und es ging richtig schön bergab ins Stadtzentrum von Bosanska Krupa bis es plötzlich einen Knall gab, gefolgt von einem lauten Zischen. Ehe wir beide realisieren konnten, woher das Geräusch kam, geriet Stefan ins Straucheln, fiel mitsamt dem Rad auf die linke Seite und schlitterte aufgrund der rasenden Geschwindigkeit ein paar Meter auf der Gegenfahrbahn den Berg runter. Stefan stand direkt nach dem Sturz auf, völlig unter Schock schoben wir unsere Räder an den Straßenrand. Wir dachten erst eine Bremsleitung wäre gerissen. Erst dann stellten wir fest, der vordere Reifen war geplatzt und innerhalb von Sekunden war die Luft raus und der Reifen platt. Wir sammelten uns und versorgten Stefans Schürfwunden an Ellenbogen, Knie und Hüfte mit Wundspray.


Wir hatten schon halb angefangen den Reifen zu flicken als ein klappriges Auto anhielt und ein Bosnier fragte, ob wir Hilfe brauchen. Zufällig spricht er auch noch richtig gut Deutsch und kennt ca. 600 Meter weiter jemanden mit einer Werkstatt. Wir sollen dorthin kommen. Gemeinsam sehen sich die Männer das Rad an. Der Mantel hat scheinbar nichts, ein Riss im Schlauch ist jedoch schnell gefunden, einer holt für die Verletzung von Stefan Raki, doch statt auf die Wunde wandert der scharfe Schnaps in Stefans Mund. Da der Schlauch eh schon einige Flicken hatte, zögern wir nicht lange und setzen den Ersatzschlauch ein. Mit Pressluft ist der echt schnell aufgepumpt. Doch beim Montieren des Reifens fällt dann doch auf, dass auch der Mantel ein Riss hat. Natürlich kennt Edin jemanden, der Fahrradmäntel verkauft - sogar die, die wir aktuell drauf haben. Er fährt mit Stefan im Auto zum Laden. Leider sind die Mäntel von der Marke Schwalbe aber dann gerade doch nicht auf Lager, dafür bekommt Stefan einen Kendra, besser als gar nix. Während ich bei unseren Rädern warte, werde ich von der jungen Nachbarin gerufen. Ich kann gerne auf ihrer Terrasse warten. Prompt werden mir Trinken und Essen angeboten und eine kleine Auswahl auf den Tisch gestellt. Ich erfahre, dass ihre Schwester in Deutschland verheiratet ist. Sie wird direkt angerufen, danach der Bruder, der in Österreich arbeitet.

Es ist schon fast Abend als der neue Mantel montiert und Stefans Rad wieder fahrtauglich ist. Wir beschließen in Bosanska Krupa zu übernachten, um uns von dem Zwischenfall zu erholen. Dankenswerterweise zeigt uns Edin ein Hotel in der Stadt - einfach, aber günstig. Dort wird erstmal geduscht, Essen auf dem Mini-Balkon gekocht und der Schock verdaut. Was für ein Glück, dass nicht mehr passiert ist.


Wir entscheiden uns am nächsten Tag, trotz Schmerzen im Hüftgelenk, die nächste Etappe zu starten. Da Stefan sich schwer tut Treppenstufen zu steigen, packt Johanna beide Räder mit den vielen Ortliebtaschen, während Stefan in der Lobby im Sessel sitzend die Route am Handy checkt. Ein Mann läuft vorbei und meint zu Stefan: "Du bist ja schon ein richtiger Bosnier." Wir schauen verdutzt, wie meint er das bloß? Er erklärt: "Du machst es dir bequem und lässt die Frau die harte Arbeit machen." Er lachte dabei, wir lachten auch. Er konnte die Vorgeschichte ja nicht wissen.

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